Tagungsbericht aus DresdenGrußwort von Frau Ingrid Biedenkopf (verlesen)Sehr geehrte Frau Thomas, meine Damen und Herren,ich bin der Bitte Ihrer Vorsitzenden zur Übernahme der Schirmherrschaft über Ihre Jahreshauptversammlung hier in Dresden sehr gern, aber - so muss ich gestehen - nicht spontan nachgekommen. Denn ich wußte zu wenig von Ihren Aufgaben und von Ihrer Rolle in der öffentlichen Verwaltung. Inzwischen sind mir die besonderen Aufgaben der Lebensmittelchemiker im Rahmen der Lebensmittelüberwachung zur Sicherung des Gesundheits- und Verbraucherschutzes bekannt und bewußt geworden und ich halte sie für außerordentlich wichtig und unterstützenswert. Offensichtlich geht es aber den Lebensmittelchemikern wie vielen anderen Berufsgruppen im Bereich der Gesundheitsvorsorge und des Verbraucherschutzes. Wenn sie besonders gut arbeiten, Beanstandungen und Erkrankungen vermeiden helfen, dann sind sie nicht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, dann sind sie nicht in den Schlagzeilen, dann ist man vielleicht auch eher geneigt, ihre Arbeit zu unterschätzen. Meine Damen und Herren, Ihre Vorsitzende, Frau Thomas, hat mich ausdrücklich um ein kurzes Grußwort gebeten und ich will dem gern entsprechen. Zunächst freue ich mich darüber, dass eine Frau aus Sachsen seit Jahren an der Spitze Ihres Verbandes steht. Es ist ja durchaus noch nicht selbstverständlich, dass Frauen und Männer aus den neuen Bundesländern nationalen Gesellschaften oder Gremien vorstehen. Und dann freue ich mich besonders darüber, dass Sie hier in Dresden, der Hauptstadt des Freistaates Sachsen, tagen. Sachsen - ein neues Bundesland. Verfassungsrechtlich ist das korrekt, in der Tat gehört Sachsen aber historisch zu den ältesten Kulturlandschaften in Mitteleuropa. Eine mehr als tausendjährige Geschichte im heutigen Sachsen hat tiefe Spuren und unzählige Zeugnisse von Kunst und Kultur hinterlassen. Sachsen ist von einer nahezu einmaligen Symbiose aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft geprägt. Die Sachsen haben neben den wirtschaftliche Bedingungen immer auch die nichtmateriellen Faktoren der Existenz geschätzt und gefördert und damit neben der industriellen Prägung eine außerordentlich reiche Kultur hervorgebracht. Die Kunststadt Dresden, davon haben sie sich sicher schon überzeugen können, ist dafür ein gutes Beispiel. Auch die Wissenschaft hat in Sachsen stets gute Bedingungen gefunden. Wir bilden heute an den Universitäten Sachsens unter anderem Ärzte, Tierärzte, Lebensmittelchemiker, Chemiker, Apotheker und Juristen aus. Das ist für die Sicherung des Nachwuchses auch für die Lebensmittelüberwachung von großer Bedeutung. Die für die Wissenschaftlichkeit der Arbeit der Überwachung so bedeutsame Zusammenarbeit der Behörden und der Universitäten hat in Sachsen eine nahezu 100-jährigeTradition. Und weil wir einmal bei der Tradition in Sachsen sind. Ich habe mir sagen lassen, dass Sachsen den Problemen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes - vor 100 Jahren sagte man noch Öffentliche Gesundheitspflege - und damit in Verbindung stehenden chemischen Fragen schon sehr frühzeitig Rechnung getragen hat. Schon am 1. Oktober 1871 ließ die Sächsische Regierung eine "Chemische Zentralstelle für Öffentliche Gesundheitspflege" unter Aufsicht des Königlichen Ministeriums des Innern in Dresden errichten. Die Zentralstelle hatte vornehmlich die Aufgabe, im behördlichen Auftrag die zur Lösung gesundheitspolitischer Fragen erforderlichen hygienisch-chemischen Untersuchungen von Trink- und Nutzwässern, aber auch von Nahrungs- und Genußmitteln durchzuführen. Sachsen hatte mit dieser Zentralstelle die erste hygienisch-chemische Untersuchungsanstalt in Deutschland geschaffen. Meine Damen und Herren, die Einladung zu Ihrer Jahreshauptversammlung ist überschrieben: "Kompetenz im Verbraucherschutz". Ich meine, dass es dieser Kompetenz mehr denn je bedarf und dass Ihre Berufsgruppe dabei eine wichtige Funktion erfüllt. Verbraucherpolitisch kommt der gesetzlichen Absicherung des Verbraucherschutzes und der Verbraucherunterrichtung eine dominierende Rolle zu: der Verbraucher muß bei Lebensmitteln vor Gesundheitsgefährdungen und Täuschungen bewahrt werden. Eine ausreichende Information über die verschiedenen Lebensmittel ist eine wesentliche Voraussetzung für den Verbraucher, als gleichberechtigter Partner am Marktgeschehen teilzunehmen und seine Kaufentscheidungen nach seinen individuellen Bedürfnissen sachgerecht treffen zu können. Sie wissen eigentlich am besten, dass dem deutschen Verbraucher heute trotz einiger Rückschläge - ich nenne den Dioxin-Skandal - ein Lebensmittelangebot zur Verfügung steht, dass noch nie so sicher und qualitativ hochwertig war. Trotzdem sind viele Verbraucher hinsichtlich der angebotenen Lebensmittel verunsichert und zweifeln an ihrer Qualität, natürlich ist das unter anderem auch eine Frage der zunehmenden Sensibilisierung der Verbraucher für Gesundheits- und Umweltfragen. Schlagzeilen über echte und unechte Lebensmittelskandale sorgen wiederholt für Unruhe, Angst und Unsicherheit. Aus der Berichterstattung der Medien läßt sich häufig nicht ablesen, ob und wie weit tatsächlich eine Gesundheitsgefährdung vorgelegen hat. In diesem Zusammenhang sollte Ihre Aufgabe auch darin bestehen, die von Ihnen unternommenen Verbraucherschutzmaßnahmen für den Verbraucher noch stärker nachvollziehbar zu machen, damit er im Sinne seines Sicherheitsbedürfnisses Gewißheit über den Schutz vor möglichen Gefahren erlangt. "Tage der offenen Tür", wie sie die Landesuntersuchungsanstalt in Sachsen kürzlich veranstaltet hat, sind geeignet, dem Bürger einen Verbraucherschutz "zum Anfassen" zu vermitteln. Ich darf es noch einmal sagen: Ihr Sachverstand und das Engagement Ihres Berufsstandes sind außerordentlich gefragt, um den Gesundheitsschutz, aber auch den Täuschungsschutz im Verkehr mit Lebensmitteln zu gewährleisten. In diesem Sinne darf ich Ihrer Jahreshauptversammlung einen erfolgreichen Verlauf wünschen und auch etwas Zeit und Gelegenheit, die schöne Landeshauptstadt Dresden und ihre Umgebung kennen zu lernen. Viele herzliche Grüße an alle Teilnehmer und Dank an alle, die geholfen haben, diese Veranstaltung zu organisieren. Ihre Ingrid Biedenkopf |