| |
|
Bundesverband der
Lebensmittelchemiker/-innen
im öffentlichen Dienst e.V. (BLC)
|
 |
Lebensmittelchemiker - viel mehr als Analytiker
Dr. Axel Preuß, Münster
(Nachdruck aus Lebensmittelchemie 51 (1997), S. 29)
Der Arbeitsmarkt ist in Deutschland derzeit in einer desolaten Lage, und auch viele akademischen Berufe sind von einer hohen Arbeitslosigkeit betroffen. Eine durchgreifende Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht, was insbesondere in der Nachwuchsgeneration inzwischen zu teilweise großer Resignation geführt hat. Auch junge Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker sind hier betroffen, denn es gab natürlich keinen Grund, warum die allgemeine Arbeitsmarktentwicklung gerade an diesem Beruf hätte vorbeigehen sollen. Nur noch in seltenen Fällen erhält man nach dem Verlassen der Universität - mit oder ohne Promotion - gleich eine Dauerstelle, sondern muß sich häufig erst jahrelang mit befristeten Verträgen durchschlagen. Viele hoffen schon gar nicht mehr darauf, in ihrem erlernten Beruf überhaupt noch Arbeit zu finden.
Nun neigen wir gerade in Deutschland dazu, jedes Problem gleich zu dramatisieren. Bei näherem Hinsehen haben nämlich auch in der jüngsten Zeit noch viele zumindest eine befristete Anstellung gefunden. Die Stimmung ist also schlechter als die tatsächliche Lage. Dennoch muß sich auch die Ausbildung auf einen veränderten, weil engeren Arbeitsmarkt einstellen, wenn sie weiterhin qualifizierte Absolventen für ein zukunftsträchtiges Berufsleben hervorbringen will.
In der Vergangenheit hat die Lebensmittelchemie hervorragende Fachleute hervorgebracht, die nicht nur aufgrund einer intensiven Ausbildung in Chemie, Analytik, Technologie sowie Stoff- und Warenkunde die prädestinierten Analytiker für komplexe Matrices sind, sondern mit ihrem für Naturwissenschaftler einzigartigen Rechtswissen die erhaltenen Befunde auch gleich in einem rechtlichen und politischen Kontext beurteilen können. Dieses macht auch weiterhin das Charakteristikum unseres Berufes aus und die Lebensmittelchemiker zu einzigartigen und unverzichtbaren Spezialisten. Sie leiden allerdings darunter, daß ihre hohe Qualifikation in der breiten Öffentlichkeit und teilweise auch in der Fachöffentlichkeit, wie bei potentiellen Arbeitgebern, nur unzureichend bekannt ist.
Man sollte jedoch Defizite nicht nur bei anderen feststellen, sondern zuerst einmal auch eigene Fehler suchen und korregieren. Die überwiegend analytische Ausbildung hat nämlich dazu geführt, daß sich viel junge Kolleginnen und Kollegen ein Arbeitsfeld außerhalb eines Labors garnicht vorstellen können und sich dafür dann auch nicht zur Verfügung stellen. Dieses geht einerseits schon an der bisherigen beruflichen Praxis vorbei, denn schon viele Lebensmittelchemiker haben tatsächlich bei ihrem Staatsexamen praktisch zum letzten Mal eine Bürette selbst in die Hand genommen. Sie sind vielmehr häufig von ersten Arbeitstag an Vorgesetzte für technisches Personal, das die Analysen durchführt. Lebensmittelchemiker brauchen dafür natürlich zwingend eine gute praktische analytische Ausbildung, um die Ergebnisse der Mitarbeiter beurteilen und ggf. korregieren zu können.
Andererseits gibt es gerade auch für Lebensmittelchemiker viele Arbeitsplätze, die nichts mehr mit einem Labor zu tun haben, aber dennoch wichtig sind, eine hohe Qualifikation erfordern und zudem auch viel Freude an der Arbeit mit sich bringen können. Ich meine damit nicht nur die klassische Verwaltungstätigkeit im Rahmen der Amtlichen Lebensmittelüberwachung in den Ministerien, Bezirksregierungen und unteren Verwaltungsbehörden, wo lebensmittelchemischer Sachverstand zwar häufig unterrepräsentiert ist, eine sachgerecchte Überwachung aber in vielen Fällen nicht darauf verzichten kann. Schon für diesen wichtigen Bereich stehen oft keine Bewerber zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es heute viele weitere Möglichkeiten, sein Wissen beruflich einzusetzen, bis hin zu Beratungsfirmen oder gar als Wissenschaftsjournalist.
Ein relativ neues, aber in seiner Bedeutung für den zukünftigen Lebensmittelverkehr kaum zu unterschätzendes Arbeitsfeld verbirgt sich auch hinter den Stichworten Qualitätsmanagement und HACCP. Hier geht es zwar vordergründig um Systemeinrichtungen und -kontrollen, diese können jedoch ohne Prozeß- und Warenkunde sowie analytisches Wissen kaum sachgerecht erfolgen. Andere Berufsgruppen sind inzwischen dabei, diese Feld für sich zu reklamieren und zu besetzen. Ich meine, daß auch die Lebensmittelchemiker hierfür in vielen Bereichen von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen mindestens ebensogut, wenn nicht noch besser in Frage konmmen. Voraussetzung ist allerdings die persönliche Bereitschaft für einen solchen Arbeitsbereich, sowie zumindest ein fundiertes Basiswissen über die Grundsätze des Qualitätsmanagements. Daher muß dieses Thema dringend dort, wo dies noch nicht geschehen ist, bereits in die Universitätsausbildung aufgenommen und im Rahmen des praktischen Jahres dann vertieft werden.
Dieses ist keinesfalls ein Plädoyer zur Abkehr von der Analytik und der Chemie. Sie ist und bleibt die notwendige Basis jeder Tätigkeit mit lebensmittelchemischem Bezug, die gar nicht breit genug sein kann. Aber in einer Welt, in der das Wissen immer größer und die Zusammenhänge immer komplexer werden, reicht die Beherrschung eines Kerngebietes allein für gute berufliche Chancen nicht mehr aus. Vielmehr ist es erforderlich, zusätzliche Qualifikationen zu erwerben, Beispiele dafür sind überall zu hören. Alles das wird aber nichts nutzen ohne die Bereitschaft zur Flexibilität in den zufkünftigen Aufgabenfeldern, die jemanden durchaus auch einmal weit weg von einem Labor bringen kann. Gerade hier ist ein praktisches Jahr in dem Sinne, wie es die neue Musterprüfungsordnung vorsieht, ein unverzichtbarer Bestandteil der Lebensmittelchemikerausbildung. Hier kann man die Vielfalt der Tätigkeitfelder in der Wirtschaft, in einem Handelslabor oder in der öffentlichen Verwaltung zumindest übersichtsweise in der Praxis kennenlernen und ist später auf
jedes Arbeitsgebiet vorbereitet sowie durch die Zweite Staatliche Prüfung uneingeschränkt dafür qualifiziert.
Nach meiner Ansicht ist es auch nicht notwendig und sinnvoll, die Ausbildung über die Vermittlung eines Grundwissens hinaus um große Bereiche wie spezielle Technologien oder gar Betriebswirtschaft zu erweitern. Diese Arbeitsgebiete sind von anderen Berufsgruppen längst besetzt. Lebensmittelchemiker werden hier wohl kaum nachhaltig eindringen können. Außerdem müßte eine solche Änderung in jedem Fall auf Kosten der bisherigen Inhalte stattfinden. Lebensmittelchemiker sollten sich vielmehr auf ihre eigenen, einzigartigen Qualitäten besinnen und diese offensiv vorbringen. Häufig liegt ein Mißerfolg nämlich nicht in fachlichen, sondern in persönlichen Defiziten begründet, insbesondere in mangelndem Selbstvertrauen. Dazu besteht jedoch überhaupt kein Anlaß; Lebensmittelchemie ist ein hochinteressantes Fach, in dem man eine ausgezeichnete Ausbildung erhält und eine große Vielfalt von Tätigkeiten ausüben kann. Diese Vielfalt gilt es selbstbewußt zu nutzen!
|