Bundesverband der
Lebensmittelchemiker/-innen
im öffentlichen Dienst e.V. (BLC)
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Tagungsbericht aus Erfurt - 10 Jahre BLC -

Zur Feier des 10-jährigen Bestehens unseres Berufsverbandes konnte Vorsitzender Helmut Streit am Vormittag des 07. Oktober im festlichen Ratssaal der Stadt Erfurt zahlreiche Mitglieder und Gäste begrüßen. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, der zwar nicht selbst teilnehmen konnte, aber ein Grußwort schickte, das nachfolgend abgedruckt wird.

Als persönlich anwesende Ehrengäste konnten begrüßt werden: Der Beigeordnete für Soziales und Gesundheit der Stadt Erfurt, Herr Winkler, in Vertretung des Oberbürgermeisters, Ministerialrat Dr. Schütze vom Thüringischen Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, Dr. Horst Schnellhardt, Mitglied des Europäischen Parlaments und des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Verbraucherpolitik, Hofrat Ernst Neugschwandtner, Leiter der Lebensmittelüberwachung in Niederösterreich, Ministerialdirigent Dr. Wolf-Rüdiger Hölzel vom Bonner Gesundheitsministerium, Dr. Wagner als Vertreter des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte, Dr. Hans Lange, Ehrenvorsitzender der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, Dr. Axel Preuß, Vorsitzender der Lebensmittelchemischen Gesellschaft und - nicht zuletzt - Dr. Friedrich Ahrens, langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen und Gründungsvater des BLC.

Grußworte und Vorträge dieser Veranstaltung werden in zum Teil gekürzter bzw. zusammengefaßter Form hier wiedergegeben:

Grußwort des Thüringer Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel (verlesen)

Gerne habe ich über Ihre Jahrestagung in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt die Schirmherrschaft übernommen. Ich freue mich, dass Sie aus allen Teilen der Bundesrepublik nach Thüringen, in Deutschlands starke Mitte, gekommen sind. Ihnen allen ein herzliches Willkommen in Erfurt!

Die Krämerbrücke und viele prächtige Bürgerhäuser zeugen noch heute von der Bedeutung des Handels und von Märkten für die Entwicklung dieser Stadt seit dem Mittelalter. Schon damals waren Marktkontrollen, war die Überprüfung der Qualität angebotener Lebensmittel dafür eine wichtige Voraussetzung.

Heute erfüllen mit Ihnen, den Lebensmittelchemikern, hoch qualifizierte Fachleute diese Aufgabe, deren Bedeutung stetig zunimmt. Und der Bundesverband der Lebensmittelchemiker/-innen im öffentlichen Dienst unterstützt Sie dabei durch Fortbildungsangebote, Erfahrungsaustausch, Beratung und Interessenvertretung seiner Mitglieder. Für Ihre Jahrestagung ist der Freistaat Thüringen ein idealer Veranstaltungsort. Seine zentrale Lage macht unser Land von überall aus gut erreichbar. Und als renommierter Wissenschaftsstandort haben wir für eine Berufsgruppe, die sich immer wieder mit neuesten Forschungsergebnissen beschäftigt, viel zu bieten. Unsere Thüringer Universitäten sind keine Elfenbeintürme; die enge Verbindung der Forschung mit der Anwendung ihrer Ergebnisse ist ein Markenzeichen der Thüringer Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Und ein Erfolgsrezept, denn heute steht Thüringen für die Frucht bringende Verbindung von Tradition und Moderne.

Den Organisatoren der Tagung, dem Thüringer Landesverband des BLC, ein gutes Gelingen. Ihnen allen angenehme Tage in Thüringen. Kommen Sie bald wieder!

Dr. Bernhard Vogel

Beigeordneter Berd Winkler

begrüßt als Vertreter des Hausherrn alle Gäste und Mitglieder in der Stadt Erfurt und beglückwünscht den Verband zu seinem 10-jährigen Jubiläum.

Er würdigt insbesondere die Bedeutung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, in dem die Lebensmittelchemiker als zuständige Sachverständige eine wichtige Aufgabe haben und betont, dass unbedenkliche Lebensmittel Basis für eine gesunde Lebensmittelwirtschaft sind. Hierfür ist die Lebensmittelchemie unverzichtbar.

Dr. Axel Preuß

überbringt die Grüße der "großen Schwester" Lebensmittelchemische Gesellschaft. Er erinnert an anfängliche Zweifel, es könne sich mit Gründung des BLC möglicherweise eine "schädliche Konkurrenz" auftun, doch wurden diese Bedenken rasch zerstreut, was insbesondere der offenen und konstruktiven Art der ersten beiden Vorsitzenden des BLC zu verdanken sei. Mittlerweile wird die Arbeit des BLC als Ergänzung des berufsständischen Wirkens angesehen, was auch durch die zahlreichen Doppelmitgliedschaften bestätigt wird. Die Schwerpunkte der LChG sieht Preuß eher im wissenschaftlichen Bereich, die des BLC im gewerkschaftlichen. Beispielhaft werden sogenannte Reformbestrebungen in der öffentlichen Verwaltung angesprochen, hinter denen sich oft genug nur reine Einsparungswut verbirgt. So kann der Überführung klassischer Untersuchungsämter in betriebswirtschaftlich orientierte landeseigene Betriebe, wie sie in einigen Stadtstaaten propagiert wird, "nicht nachdrücklich genug entgegengetreten werden". Zu kritisieren ist auch die Unterbezahlung der Kolleginnen und Kollegen in den neuen Bundesländern, insbesondere aber auch die untertarifliche Einstufung im Vollzug. Diese Themen werden weiterhin gemeinsam anzugehen und zu bewältigen sein.

Strukturveränderungen in der Lebensmittelüberwachung, die sich insbesondere durch Harmonisierungsbestreben in der EU ergeben, erfordern Aus- und Fortbildung des Lebensmittelchemikers. Lobenswert sind in diesem Zusammenhang die Aktivitäten des BLC, der seinen Beitrag durch Organisation und Vermittlung entsprechender Veranstaltungen leistet.

Dr. Hans Lange

spannt einen Bogen vom Beginn seiner langen und erfolgreichen Arbeit als Lebensmittelchemiker und für diesen Berufsstand bis zum heutigen Festtag: Nach seinem Start am Chemischen Untersuchungsamt in Gießen wechselte er in die Lebensmittelindustrie und machte die gegenwärtige Achtung der "amtlichen" und "gewerblichen" Lebensmittelchemiker zu seiner Richtschnur. Hierzu gehört, dass die Kolleginnen und Kollegen aus beiden Disziplinen in der GdCh zusammengeführt wurden.

Bereits 1970 wurde die Forderung aufgestellt, dass pro 100.000 Einwohner ein Lebensmittelchemiker in der Überwachung tätig sein muss. Aufgrund der gestiegenen Aufgaben ist der Bedarf heute noch größer. Zur gleichen Zeit kam es zur Gründung der ersten Landesverbände für Lebensmittelchemiker, mit denen die Kolleginnen und Kollegen ihre Interessen selbst durchsetzen wollten und konnten.

Der nächste Schritt war die Gründung des Bundesverbandes, die von Dr. Hans Lange als Vorsitzender der Lebensmittelchemischen Gesellschaft wohlwollend und mit viel Unterstützung begleitet wurde. Er knüpfte Kontakte zur Generaldirektion 3 in Brüssel (auch für den BLC) und dankt an dieser Stelle insbesondere Dr. Gaerner für dessen Beitrag zur Europäischen Überwachungsrichtlinie. Der Verbraucherschutz wird künftig bei der Urproduktionen beginnen müssen, die auch in die Lebensmittelüberwachung einbezogen werden muss. Im Interesse dieses Verbraucherschutzes fordert Hans Lange:

  • Unabhängigkeit der amtlichen Lebensmittelüberwachung
  • Große, integrierte und leistungsfähige Untersuchungsämter, die den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden
  • Lebensmittelchemiker im Vollzug, gegebenenfalls zusammen mit dem Veterinärmediziner im Kontrollteam, um den Verbraucherschutz vor Ort zu sichern
  • Fortbildung in Disziplinen, die für die "Kontrolle der Kontrolle" wichtig sind, insbesondere in HACCP und Mikrobiologie

Die berufsständischen Vertreter der Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker müssen diese Forderungen im regelmäßigen Kontakt mit Bund, Ländern und Kommunen deutlich machen.

Dr. Horst Schnellhardt

berichtet vom Wandel der Lebensmittelüberwachung und der Aufbruchsstimmung in Brüssel, die sich im Weißbuch der Kommission zur Lebensmittelsicherheit dokumentiert:

Eines der wichtigen Ziele ist die Einrichtung einer unabhängigen Lebensmittelbehörde, in der das wissenschaftliche Potential der Gemeinschaft konzentriert werden soll. Wesentliche Aufgabe dieser Behörde wird die Risikoanalyse sein, nicht aber das Risikomanagement. Auch soll sie keine Kontrollfunktion haben, gleichwohl aber mit der Überwachungsbehörde in Dublin zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang steht auch die Abschaffung der wissenschaftlichen Ausschüsse zur Diskussion, deren Aufgaben letztlich von der Lebensmittelbehörde übernommen werden könnten.

Dringend nötig ist auch die Schaffung eines gemeinschaftlichen Lebensmittelrechts, um die großen Unterschiede, die derzeit noch zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten bestehen, zu beseitigen.

Eine neue Strategie für den Verbraucherschutz wird angestrebt, indem man bis zur Urproduktion zurückgeht und beispielsweise auch Futtermittel kontrollieren wird. Die derzeitige Tendenz "weg von umfassenden Kontrollen" muß umgekehrt werden, denn die Lebensmittelkrisen der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, dass Kontrollen nötig sind und europaweit vereinheitlicht werden müssen. Diese Kontrollen müssen auch in amtlicher und nicht in privater Hand liegen, bei Änderung der Bestimmungen zur Fleischuntersuchung ist hierauf besonders zu achten. Insgesamt sollen 80 Richtlinien geändert oder angeglichen werden, um die Lebensmittelsicherheit zu erhöhen. Aber auch die bessere Einbindung des Verbrauchers ist vorgesehen, der sachgerecht informiert werden muss, wobei vor Extremen - Verharmlosung wie Hysterie - zu warnen ist. In diesem Zusammenhang betont Schnellhardt auch die Verantwortung der Medien und fordert die Wissenschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Medien auf, um durch mehr Publikationen, auch in populärwissenschaftlicher Form, zur besseren Information des Verbrauchers beizutragen.

Hofrat Ernst Neugschwandtner

stellt in einem anschaulichen, kurzweiligen und sehr informativen Vortrag die Lebensmittelkontrolle in Österreich vor. Wir werden in der nächsten Ausgabe der Lebensmittelchemiker Mitteilungen ausführlich darüber berichten. Offensichtlich haben die Kolleginnen und Kollegen in Österreich die gleichen Probleme wie in Deutschland, sie gehen aber bisweilen etwas "charmanter" damit um.

Dr. Wolf-Rüdiger Hölzel

erinnert an den Neustart der Lebensmittelüberwachung in den neuen Bundesländern vor 10 Jahren. Es ist gelungen, in kürzester Zeit eine neue Verwaltungsstruktur aufzubauen und hierzu hat der Bund nicht zuletzt mit finanzieller Hilfe beigetragen. So wurden z.B. 10 Millionen DM für die Ausstattung der Labors mit Analysengeräten zur Verfügung gestellt. Die Weiterentwicklung des Lebensmittelrechts läßt aber keinen Stillstand auf dem Erreichten zu, sondern fordert Weiterentwicklung. Dies hat auch die Kommission erkannt und in ihrem Weißbuch zur Lebensmittelsicherheit dokumentiert. Zu begrüßen sind insbesondere das umfassende Konzept "vom Erzeuger zum Verbraucher", die Einrichtung einer Europäischen Lebensmittelbehörde und die zahlreichen geplanten Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit und der Information des Verbrauchers. Sehr sinnvoll ist die Entscheidung, dass die operative Durchführung der Kontrollmaßnahmen weiterhin in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten liegen soll, und hierzu gehört auch, dass die Lebensmittellüberwachung eine amtliche Aufgabe bleibt. Am Beispiel der TBT-Verbreitung in der Umwelt macht Hölzel deutlich, dass die Rückverfolgbarkeit von Lebensmittelkontaminationen nicht beim Erzeugerbetrieb aufhören darf: Die nötigen Kontrollmaßnahmen müssen bis in den Umweltbereich vorverlagert werden. Letztlich ist eine Gefahrenabwehr nur durch eine umfassende Prophylaxe möglich.

Zu begrüßen ist, dass alle Lebensmittel einen ausreichenden Schutz erhalten sollen, eine Abkehr von der "Tier-Lastigkeit" des Lebensmittelschutzes ist also nötig. Deshalb ist auch eine Verbesserung der Einfuhrkontrollen nicht vom Tier stammender Lebensmittel wichtig.

Um die Verbesserung des Verbraucherschutzes durch all diese Maßnahmen zu gewährleisten, sind auch

  • Ausbildung und Ausbildungsinhalte des Lebensmittelchemikers fortzuentwickeln sowie
  • Gemeinschaftliche Methoden zur Probenahme und Analytik. So fordert der BMG z.B. die Weiterentwicklung der PCR-Analytik.

Der BLC hat zu vielen dieser Themen, so Hölzel, wertvolle Beiträge in Stellungnahmen oder Anhörungen geliefert und wird auch weiterhin beteiligt werden.

Ministerialrat Dr. Hans-Ulrich Schütze

überbringt die Grüße von Minister Pietzsch und verweist auf die lange Tradition der Lebensmittelüberwachung in Thüringen: Vor 1990 erfolgte die Untersuchung der Lebensmittel an 3 Hygieneinstituten, deren Einrichtungen im wesentlichen in die neuen Strukturen übernommen wurden. Mit Hilfe des Bundes und der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen wurde das integrierte Thüringer Untersuchungsamt geschaffen, der Vollzug der Lebensmittelüberwachung obliegt hingegen den Staatlichen Lebensmittel- und Veterinärämtern. Zur Steigerung der Effizienz ist eine Reihe von Maßnahmen vorgesehen b.z.w. schon im Gange:
  • Konzentrierung der Lebensmitteluntersuchung an einem Standort
  • Risikobewertung der Betriebe unter Beachtung ihrer Eigenkontrollsysteme
  • Festlegung der Frequenz der Betriebsinspektion auf dieser Basis.
  • Einführung von Qualitätssicherungselementen im Vollzug

Erfolgreich sein können all diese Maßnahmen nur, wenn die Beurteilung von Untersuchungsergebnissen und ihre Umsetzung im Vollzug auch künftig in einer, nämlich staatlicher Hand bleiben.


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