Bundesverband der
Lebensmittelchemiker/-innen
im öffentlichen Dienst e.V. (BLC)
BLC Logo

3. Functional Food Symposium
vom 31. März bis 01. April 1998 in Wiesbaden

5. Professor Peter Stehle (Bonn)

erinnerte an weit in die Frühgeschichte reichende Versuche des Menschen, seine körperliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen, um sich Vorteile gegenüber Konkurrenten zu schaffen. Der Marathonläufer Dormeus von Stymphalos zwang sich eine Fleischdiät mit 9 kg pro Tag auf, Sprinter der Antike aßen Fleisch von Antilopen und fettarmen Fischen, also besonders "schnellen" Tieren. Europäische Radsportler im 19. Jahrhundert tränkten coffeinhaltige Zuckerstückchen in Nitroglyzerin und verzehrten sie vor dem Wettkampf, eine wahrlich "explosive" Mischung, und bei Franzosen war "Vin mariani" beliebt, eine Mischung aus Kokablättern und Wein. Marathonläufer tranken oft Alkohol während des Rennens, amerikanische Athleten nahmen Strychnin als "Stimulans".

In den letzten Jahren ist auf wissenschaftlicher Basis der Beweis geführt worden, daß auch einzelne Nährstoffe ergogen sein, also die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern können. Mit derartigen Erzeugnissen sollen die Energiereserven vergrößert, die Energieproduktionsrate erhöht, das Muskelgewebe vermehrt und Zellschäden "repariert" werden. Solche Produkte und Erwartungen machen auch nicht vor dem Nichtsportler halt, der die Möglichkeit sehen mag, seine beruflichen Chancen zu verbessern.

Unter den vielen - häufig nicht seriös beworbenen und in ihrer Wirkung belegten - Erzeugnissen sind in letzter Zeit vor allem zwei in aller Munde: Q10 und Taurin.

Coenzym Q10, auch als Ubichinon-10 bezeichnet, ist eine lipidlösliche Substanz, die als Teil des Elektronen-Transportsystems in der Atmungskette des menschlichen Organismus die Übertragung von Protonen katalysiert, sie ist also für den vollständigen oxidativen Abbau von Nährstoffen wie Glucose essentiell. Als weitere Funktion wird ein Schutz vor der Einwirkung von Radikalen, z.B. auf biologische Membranen, diskutiert. Da unser Körper unter normalen Umständen Q10 in ausreichenden Mengen in nahezu allen Geweben aus Phenylalanin als Vorstoff selbst herstellen kann und dieses bei der üblichen eiweißreichen Mischkost in den notwendigen Mengen zur Verfügung steht, ist eine zusätzliche Zufuhr von Q10 in aller Regel nicht erforderlich. Hinzu kommt, daß sowohl tierische als auch pflanzliche Lebensmittel Q10 bzw. Ubichinone mit kürzerer Seitenkette (Q6 bis Q9) liefern, wobei letztere im Organismus problemlos in Q10 überführt werden können.

Die Aufnahme mit Mischkost liegt bei 5 - 10 mg pro Tag, die Bioverfügbarkeit wird nach Literaturangaben zwischen 5 und 40 % geschätzt. Die körperliche Synthese liegt im unteren Milligramm-Bereich, wobei Muskel, Herz, Leber und Niere als Speicher dienen. Während Q10 als Medikament (bis zu 100 mg pro Tag) bei Herzkrankheiten durchaus erfolgreich eingesetzt wird, sind charakteristische Mangelsymptome nicht mit Sicherheit nachgewiesen. Es fehlen insbesondere umfangreichere und Placebo-kontrollierte Studien, mit denen eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit nachgewiesen werden könnte.
Stehle kam zum Fazit:

  • Bisher gibt es keine wissenschaftliche Notwendigkeit, Coenzym Q10 präventiv zu supplementieren,
  • Hinweise, daß aus Ubichinonen selbst poteniell zellschädigende Radikale entstehen, sprechen eindeutig gegen eine unkontrollierte Selbstmedikation.

Taurin ist entgegen häufigem Sprachgebrauch keine Aminosäure, sondern eine Aminosulfonsäure. Es wird im menschlichen Organismus aus der Aminosäure Cystein gebildet und ist im Körper in großen Mengen enthalten wie auch regelmäßiger Bestandteil unserer Nahrung: Bei Verzehr von Fleisch und Käse nimmt der Mensch mit 10 - 40 mg pro 100 g beträchtliche Taurinmengen auf. Sogar bei einer veganen Ernährung wird kein Taurinmangel beachtet. Dieser Stoff hat zwar vielfältige physiologische Funktionen wie Bildung von Gallensäurekonjugaten, Modulierung der Signalübertragung, Abfangen von Sauerstoffradikalen sowie Bedeutung für Entwicklung des Zentralnervensystems, der Herzfunktion und der Retina, unter physiologischen Bedingungen reicht aber die endogene Synthese von Taurin in jedem Fall aus. Nur bei bestimmten Enzymstörungen kann es zu verminderten Taurinspiegel kommen.

Eine Überpüfung der Fachliteratur ergab keine wissenschaftlich fundierten Daten für eine mögliche leistungssteigernde Wirkung von Taurinsupplementen. So wurde z.B. in einer Ergometer-Studie von Geiß und Mitarbeitern der Einfluß eines taurinreichen Getränkes auf Herzfrequenz, Blutdruck und eine Reihe von Blutparametern, die in Zusammenhang mit Belastung und Erholung stehen, untersucht: Ein spezifischer Effekt von Taurin war nicht nachweisbar.

Stehle kam aufgrund dieser wissenschaftlichen Prüfungen zum Schluß, daß "Q10 und Taurin uns keine Flügel verleihen, weder in körperlicher noch in geistiger Hinsicht. Bei Stoffwechsel gesunden Erwachsenen ist eine Supplementierung dieser Substanzen nicht notwendig." Die Tatsache, daß dennoch so kontrovers über Sinn und Unsinn einer Supplementierung mit diesen Stoffen diskutiert wird, führte Stehle auch auf eine fehlende Definition des Begriffes "wissenschaftlich hinreichend gesichert" im Sinne des § 17 Absatz 1 Ziffer 5a LMBG zurück, die er damit anmahnte.


BLC zurück zur BLC Homepage BLC Volltextsuche back 1 Seite zurück