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Methanol in Spirituosen – wie viel darf es sein?

Analyse von SirituosenDas nachfolgend beschriebene außergewöhnliche Geschehen zeigt eindrucksvoll, dass grenzüberschreitende Risiken bei Lebensmitteln nie auszuschließen sind. Auch der zunehmende weltweite Vertrieb erhöht das Risiko. Dies und die Gefahr krimineller Handlungen erfordern eine gut funktionierende, intensive Zusammenarbeit zuständiger Behörden, auch im kleinen Grenzverkehr, den hohen Sachverstand in den amtlichen Untersuchungseinrichtungen mit sofortiger flexibler Untersuchungskapazität sowie fachlichen Spürsinn bei der Probenahme. Der aktuelle Fall: Anfang September 2012 informierte das europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel über mehrere Fälle von mit Methanol* gepanschtem Alkohol aus Tschechien.

Der aktuelle Fall:

Anfang September 2012 informierte das europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel über mehrere Fälle von mit Methanol* gepanschtem Alkohol aus Tschechien.

In den folgenden Wochen entwickelte sich die Lage dramatisch. Ausgehend von Tschechien waren auch benachbarte Anrainerstaaten, insbesondere Polen und die Slowakei, betroffen. Im Laufe des Geschehens starben 47 Menschen nach Verzehr der methanolhaltigen Spirituosen, zahlreiche Personen mussten stationär behandelt werden. In Tschechien untersagten die Behörden zwischenzeitlich den Verkauf von alkoholischen Getränken mit mehr als 20 Prozent Volumenalkohol (% vol). Zusätzlich wurde ein Ausfuhrverbot tschechischer Spirituosen verhängt. Als belastete methanolhaltige Erzeugnisse wurden mehrere Wodkasorten, verschiedene Kunst-„Rum`s“ (Tuzemak) als auch Obstbrandspirituosen identifiziert. Vorwiegend handelte es sich um Alkohol, der im Internet vertrieben wurde.

EU-Schnellwarnmeldung

Die Methanolgehalte in den gepanschten Spirituosen erreichten Werte bis 51.100 Gramm je Hektoliter reinen Alkohols (g/hl r.A.). Bei einem Alkoholgehalt von 40 % vol entspricht dies einem Anteil von 200 g Methanol/l (= 20 % Methanol!). Bereits bei Verzehr von nur 20 ml, also einem üblichen Schnapsglas, einer solchen Spirituose wird die akute Dosis (4 g Methanol), bei der mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu rechnen ist, erreicht.

Glücklicherweise konnten schnell Schuldige ermittelt werden. Illegale Vertriebswege wurden aufgedeckt und gefälschte Etiketten und Steuerbanderolen sichergestellt. Seit November 2012 müssen tschechische Spirituosen ein Ursprungszeugnis (Declaration of origin) tragen. Renommierte tschechische Markenprodukte, wie z.B. Becherovka, waren nicht betroffen.

Da nicht auszuschließen war, dass auch deutsche Verbraucher – insbesondere in den Grenzregionen zu Tschechien – gepanschten Alkohol erworben hatten, reagierten die Lebensmittelüberwachungsbehörden sofort mit öffentlichen Warnungen vor dem Verzehr bestimmter Spirituosen unbekannter Herkunft. Besorgte Verbraucher konnten sich an die zuständigen Behörden wenden und fragwürdige Proben abgeben. Lebensmittelchemiker/-innen der amtlichen Untersuchungseinrichtungen untersuchten diese Proben; es wurden keine erhöhten Methanolgehalte festgestellt.

*Methanol wird aus Pektin der Ausgangsstoffe gebildet und ist de facto ein natürlicher Begleitstoff. Je nach Rohstoff und Herstellung sind unterschiedliche Gehalte an Methanol zu erwarten. Methanol selbst besitzt ein hohes neurotoxisches Potential. Eine akute Intoxikation wird für einen Erwachsenen jedoch erst ab einer Dosis von 4 bis 5 g Methanol angegeben [1]. Hierbei kann es zu Rauschzuständen, in schweren Fällen zu Erblindung oder Tod kommen. Für Spirituosen sind europaweit Höchstmengen für Methanol festgelegt, bei deren Einhaltung keine gesundheitliche Gefahr hinsichtlich einer Methanolintoxikation besteht.

Untersuchung von Spirituosen:

chemische Analyse von SpirituosenDie Untersuchung von Spirituosen gehört zu den Aufgaben der Lebensmittelchemiker/-innen in den amtlichen Laboratorien. Spirituosen sind alkoholische Flüssigkeiten mit einem Mindestalkoholgehalt von 15 %vol. (Ausnahme Eierlikör: 14 %vol.). Das Angebot ist sehr vielfältig. Neben den originären Bränden (Weinbrand, Rum, Whisky, Obstbrand) reicht die Palette von den extraktfreien Wodka`s bis hin zu stark gezuckerten Likören. Unterschiedliche Zutaten, wie z.B. Eigelb, Wein, Fruchtsaft, Sahne, Kräuterauszüge, prägen den Charakter. Die Verwendung von Zusatzstoffen (Farbstoffe) ist durchaus üblich. Auch Mischungen von Spirituosen untereinander bzw. mit anderen alkoholischen oder alkoholfreien Getränken gehören hierzu.

Der Produktvielfalt entsprechend breit ist das Untersuchungsspektrum. Neben allgemeinen Untersuchungen, wie z.B. die sensorische Beschaffenheit (Aussehen, Geruch, Geschmack) sowie Alkohol- und Extrakt-/Zuckergehaltsbestimmung, werden in Abhängigkeit von der zu untersuchenden Spirituose zahlreiche zusätzliche Analysenparameter bestimmt. Dabei kommen häufig hochmoderne Analysentechniken zum Einsatz.

So spielt die Aromastoffanalytik mittels Gaschromatographie bei Spirituosen eine herausragende Rolle. Bedingt durch den unterschiedlichen Rohstoffeinsatz (Getreide, Kartoffeln, Wein, Früchte) und die gewählten Herstellungsbedingungen (Destillation, Lagerung) entstehen Spirituosen mit ganz eigenem „Aromaprofil“. Hierbei nehmen die Gehalte der einzelnen Gärungsbegleitstoffe („Fuselöle“), “), die als Nebenprodukte der alkoholischen Gärung entstehen, für jede Spirituosengattung bzw. jede Spezialität charakteristische Werte an. Zum Aromaprofil tragen verschiedenste chemische Stoffklassen (Alkohole, Aldehyde, Ester, Säuren, Lactone, Terpene, Heterocyclen) bei. Neben der Möglichkeit einer Authentizitätsprüfung (z.B. bei originären Bränden) können die Lebensmittelchemiker/-innen auch Rückschlüsse zum mikrobiologischen Status der verwendeten Maischen ziehen. Sensorische Fehlnoten können so analytisch untermauert werden.

Aromastoffbestimmung GC-HeadspaceWeiterhin wird auf sogenannte unerwünschte Aromastoffe geprüft. Diese Stoffe gelangen über rechtmäßig verwendete Kräuter- oder Gewürzauszüge in Spirituosen. Neben der gewünschten aromatisierenden Wirkung sind diese Aromastoffe jedoch toxikologisch bedenklich. In der EU-Aromenverordnung sind deshalb Aromastoffhöchstmengen auch für Spirituosen festgelegt. Jährlicher Untersuchungsschwerpunkt ist die Prüfung auf Natürlichkeit. Für spezifische Fruchtliköre (Himbeere, Johannisbeere u. a.) und Liköre aus Pflanzen (z. B. Minze) ist die ausschließliche Verwendung natürlicher Ausgangsstoffe vorgeschrieben. Gleiches gilt auch für die Herstellung von Obstbränden und -geisten. Die Überprüfung der Natürlichkeit erfolgt an der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen mittels hochspezifischer Enantiomerenanalytik. Letztlich wird in Einzelfällen die tatsächliche Verwendung werblich herausgestellter spezieller Pflanzen bzw. -auszüge (z. B. Rose, Melisse) überprüft. Das Aromastoffspektrum liefert den Lebensmittelchemikern/-innen hierbei wichtige Anhaltspunkte für die rechtliche Beurteilung.

Fazit

Spirituosen sind Genussmittel, die zu unserer Kultur gehören. Den hohen Standard traditioneller Spirituosen gilt es zu erhalten. Gerade die amtliche unabhängige Lebensmittelkontrolle leistet hierbei einen wichtigen Beitrag. Dies ist jedoch nur mit fachkundigem Personal und Laboren mit moderner Analysentechnik möglich. Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker der amtlichen Laboratorien führen regelmäßig gezielte Stichprobenuntersuchungen durch und tragen dazu bei, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Damit der Verbraucherschutz in Deutschland weiterhin einen hohen Stellenwert besitzt, wehrt sich der BLC gegen Einsparungen am falschen Ende und fordert die Bereitstellung einer ausreichenden personellen und apparativen Ausstattung.

Lebensmittelchemiker/-innen in Lebensmitteluntersuchung und -überwachung sind:

  • Experten in Sachen Lebensmittel, einschließlich Wein sowie für Kosmetika und Bedarfsgegenstände, Lebensmittelrecht und -analytik
  • kompetente Berater der Verwaltung, der Politik und der Verbraucher

[1] IPCS (International Programme on Chemical Safety) Methanol, Poisons Information Monograph 335, Last Update 2001 http://www.inchem.org/documents/pims/chemical/pim335.htm

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