Anmeldung
zufall4.jpg

Home Aktuelles Artikel des Monats Nahrungsergänzungsmittel - notwendig, überflüssig oder gefährlich?

Nahrungsergänzungsmittel - notwendig, überflüssig oder gefährlich?

NahrungsergänzungsmittelAugenvitalstoffe, Junior-Tabs, Vital-Gelenk-Kapseln, Natural Sexual Enhancer, Schlafgut-Hopfen-Trunk, Appetit-Control-Formula, A-Z 50+: Nahrungsergänzungsmittel für jede Verbrauchergruppe und jede Lebenslage überschwemmen seit etwa 15 Jahren in zunehmendem Maße den deutschen Lebensmittelmarkt und vermitteln dem Verbraucher den Eindruck, dass eine ausreichende und ausgewogene Ernährung allein mit üblichen und vertrauten Lebensmitteln nicht (mehr) möglich sei. Gesundheitsbewusstsein, aber auch die Angst vor möglichen Schadstoffen und Umweltgiften in der täglichen Nahrung lassen viele Menschen zu konzentrierten oder isolierten Nährstoffpräparaten greifen; umfangreiche Werbung tut ihr Übriges dazu. Nach den Ergebnissen der Nationalen Verzehrsstudie II [1] nehmen 25 % der deutschen Bevölkerung (28 % der Frauen und 22 % der Männer) Nahrungsergänzungsmittel zu sich. Dabei sind die Konsumenten derartiger Supplemente häufig diejenigen Verbraucher, die sich sowieso bewusst ernähren, daher keinen Bedarf an einer zusätzlichen Nährstoffzufuhr haben und im Resultat die Zufuhrempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (teilweise erheblich) überschreiten.

Vertrieben werden Nahrungsergänzungsmittel nicht nur im klassischen Lebensmitteleinzelhandel oder in Drogeriemärkten, sondern auch in Apotheken, Kosmetikstudios, Sportfachgeschäften, im Direktvertrieb, über Berater und zunehmend im Versand- und Internethandel.

Was viele Verbraucher nicht wissen: Auch wenn Nahrungsergänzungsmittel in eigentlich arzneimitteltypischer Form, d. h. als Tabletten, Kapseln, Granulate, Brausetabletten oder in Ampullen, auf den Markt gebracht werden und oft neben (freiverkäuflichen) Arzneimitteln im Regal stehen oder zusammen mit ihnen angeboten werden, müssen sie anders als Arzneimittel nicht zugelassen und im Rahmen dieses Verfahrens auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft werden. Wie bei allen Lebensmitteln ist der Hersteller für die Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln und ihre rechtskonforme Kennzeichnung und Bewerbung verantwortlich. Durch Betriebskontrollen und die stichprobenartige, risikoorientierte Untersuchung von Proben überprüfen Lebensmittelchemiker/-innen der amtlichen Lebensmittelüberwachung der Bundesländer, ob die Unternehmen alle Rechtsvorschriften im Verkehr mit Nahrungsergänzungsmitteln einhalten und Gefahren vom Verbraucher abwenden. Verstöße werden geahndet. Insbesondere neue Vertriebswege wie der Internethandel stellen spezielle Anforderungen an die Überwachung, z. B. an die Ermittlung von Händlern im Überwachungsbereich, die Logistik der Probenplanung und -ziehung sowie den Vollzug im Beanstandungsfall. Die Lebensmittelüberwachung versucht, diesen neuen Erfordernissen durch die Entwicklung spezieller Kontrollstrategien und deren Testung in Pilotprojekten Rechnung zu tragen.

bunte Pillen in der PorzelanschaleZwischen Verbrauchern, Lebensmittelindustrie, Ernährungswissenschaft und Verbraucherschützern besteht seit Jahren eine erhebliche Kontroverse darüber, ob und welche Nahrungsergänzungsmittel für welche Verbrauchergruppe notwendig und nützlich oder überflüssig und möglicherweise sogar gesundheitsschädlich sind. Die Beanstandungsquoten bei Nahrungsergänzungsmitteln gehören in jedem Fall seit Jahren anhaltend zu den höchsten aller Lebensmittelgruppen. So mussten beispielsweise in Sachsen-Anhalt 2011  38,2 % und 2012  38,6 % der untersuchten Nahrungsergänzungsmittelproben beanstandet werden, während die Quoten für die Gesamtheit der Lebensmittel im Durchschnitt bei 10,2 % bzw. 9,6 % lagen.

In vielen Fällen stimmen deklarierte nicht mit tatsächlich in den Produkten enthaltenen Mengen an Vitaminen, Spurenelementen und anderen wertgebenden Inhaltsstoffen überein. Nahrungsergänzungsmittel werden hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Wirkungen umfangreich beworben. Derartige Werbeaussagen müssen jedoch häufig als nicht wissenschaftlich gesichert beanstandet werden, wenn die Auswertung der wissenschaftlichen Literatur oder Stellungnahmen der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA bzw. des Bundesinstituts für Risikobewertung ergeben, dass es keinen Beleg für die behaupteten Wirkungen gibt oder zulassungspflichtige Angaben ohne eine derartige Autorisierung verwendet werden.

bunte Pillen im ScheidetrichterGefährlich werden können Erzeugnisse, die vor allem im Internet als "100 % natürliche" oder "rein pflanzliche" Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden, in der Tat jedoch pharmakologisch wirkende Stoffe in wirksamer Dosierung enthalten. Derartige Produkte findet man v. a. im Bereich der Schlankheitsmittel, Potenzmittel / Anti-Aging-Produkte und Sportlernahrungsmittel. So wurden im Rahmen eines von 2010 bis 2011 laufenden Projektes der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in "natürlichen" Nahrungsergänzungsmitteln ausländischer Internet-Anbieter, deren Werbung sich an deutsche Verbraucher richtete, in 62 % der untersuchten Schlankheitsmittel und 61,5 % der Anti-Aging- und Potenzmittel verbotene pharmakologisch wirkende Stoffe sowie in 19 % der Sportlernahrungsmittel dopingrelevante Stoffe gefunden [2]. Schlankheitsmittel, vorwiegend aus Asien, enthalten beispielsweise immer wieder nicht deklariertes Sibutramin, einen Arzneistoff, der als Appetitzügler zur Reduktion von starkem Übergewicht verwendet wird, jedoch aufgrund seiner starken Nebenwirkungen in der EU verboten wurde. Die in Potenzmitteln enthaltenen Wirkstoffe sind häufig Sildenafil, welches in Viagra® enthalten ist, sehr ähnlich, jedoch klinisch nicht getestet, und stellen daher für den Verbraucher ein unkalkulierbares Risiko dar.

Aber selbst bei Nährstoffen, von denen bislang angenommen wurde, dass unerwünschte Effekte bei einer Zufuhr durch Nahrungsergänzungsmittel über die normalen Ernährungsempfehlungen hinaus unwahrscheinlich seien, zeigten sich in der Auswertung aktueller Studien Risiken. So führte die Einnahme von höherdosierten calciumhaltigen Supplementen zur Erhöhung der Herzinfarktrate, stieg das Diabetes-Risiko bei täglicher Gabe von 200 µg Selen oder begünstigten unphysiologisch hohe Dosen an Vitamin E und ß-Carotin die Ausbildung von Lungenkrebs [3,4].

Generell ist darauf hinzuweisen, dass Nahrungsergänzungsmittel für einige spezielle Verbrauchergruppen, z. B. Schwangere, Stillende oder Senioren, ihre Berechtigung haben und sinnvoll sein können. Ein allgemeines Bedürfnis zur Ergänzung der Ernährung mit derartigen Präparaten besteht in Deutschland nicht. Gegebenenfalls sollte ein Arzt oder Ernährungsberater konsultiert werden, ob ein Mangel an bestimmten Nährstoffen überhaupt besteht, der über den Verzehr eines Nahrungsergänzungsmittels ausgeglichen werden muss. Verbraucher sollten in jedem Fall kritisch gegenüber Werbeversprechen und vermeintlich lukrativen Angeboten, insbesondere im Internet, sein.

Lebensmittelchemiker/-innen in Lebensmitteluntersuchung und -überwachung: Experten nicht nur in Sachen Lebensmittelkunde, Lebensmittelrecht und Lebensmittelanalytik, sondern auch in der Beurteilung von Nahrungsergänzungsmitteln.

Literatur:

[1] http://www.was-esse-ich.de/uploads/media/NVS_II_Abschlussbericht_Teil_1_mit_Ergaenzungsbericht.pdf (eingesehen am 03.04.2013)
[2] http://www.bfr.bund.de/cm/343/internethandel-mit-nahrungsergaenzungsmitteln.pdf (eingesehen am 03.04.2013)
[3] http://www.bfr.bund.de/cm/343/methoden-und-herausforderungen-der-risikokommunikation-bei-der-thematik-nahrungsergaenzungsmittel.pdf (eingesehen am 03.04.2013)
[4] http://www.bfr.bund.de/cm/343/risiken-einer-supplementation-von-vitaminen-und-mineralstoffen.pdf (eingesehen am 03.04.2013)

Diese Pressemitteilung können Sie hier als  PDF-File herunterladen.

Die BLC Landesverbände
Thüringen Schleswig-Holstein Sachsen-Anhalt Sachsen Saarland Rheinland-Pfalz Nordrhein-Westfalen Mecklenburg-Vorpommern Hessen Hamburg Bremen Berlin Bayern Baden-Würtemberg Niedersachsen Brandenburg
Suche

Facebook