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Nagelmodellage – Wer schön sein will muss leiden?

FingernagelBei Nagelmodellage handelt es sich um die künstliche Verlängerung oder Verstärkung der menschlichen Fingernägel und auch Fußnägel. Dazu werden heutzutage hauptsächlich zwei Systeme angewandt:

  • - Ein-Komponenten-Gelsystem
  • - Zwei-Komponenten-Pulver-Flüssigkeit-System.


Bei den modernen Ein-Komponenten-Gelsystemen handelt es sich um lichthärtende Kunststoffe, die sich aus Monomeren, Oligomeren, evtl. Verdickungsmittel und Photoinitiatoren zusammensetzen. [1]
Die Zwei-Komponenten-Systeme bestehen aus einem Pulver und einer Flüssigkeit. Das Pulver (Polymer) enthält eine Kombination von gemahlenem Acrylpulver und einem Aktivator. [1] Die Flüssigkeiten (Liquid = Monomer) solcher Systeme zur Nagelmodellage enthalten handelsüblich unter anderem bis zu 99 Prozent Ethylmethacrylat (EMA) als Hauptkomponente, weitere Comonomere mit Vernetzerfunktion und eine Initiatorkomponente. [2]

 

Im Landeslabor Berlin-Brandenburg sind 2011 insgesamt 15 Proben von Nagelmodellagemitteln eingesandt worden. Bei diesen Proben handelte es sich um die Flüssigkeitskomponenten von Zwei-Komponenten-Pulver-Flüssigkeitssystemen. Die Proben wurden gezielt auf die Verwendung von Methylmethacrylat (MMA) untersucht, da der Verdacht bestand, dass an Stelle von Ethylmethacrylat dieser Stoff eingesetzt worden ist.

Während in Staaten außerhalb der Europäischen Union MMA in Nagelmodellagemitteln verboten ist oder zumindest davor gewarnt wird, ist MMA im europäischen und damit auch im deutschen Kosmetikrecht nicht speziell geregelt.

MMA ist für die Modellierung von künstlichen Fingernägeln ungeeignet – sie sind nach dem Aushärten sehr fest und unelastisch. Bleibt man mit diesen künstlichen Fingernageln hängen oder klemmt sie ein, können sie sehr schnell brechen und mit ihnen auch die natürliche Nagelplatte, was sehr schmerzhaft ist und zu Infektionen führen kann. Weiterhin lässt sich ein künstlicher Fingernagel aus MMA nur mit einer groben Feile oder Ähnlichem wieder entfernen. Auch hierdurch kann es zu Verletzungen der Nagelplatte und des Nagelbetts kommen.[3],[4] Zudem sind Nagelmodellagemittel mit einem Gehalt an MMA über 80 Prozent gesundheitsschädlich, da es sich bei MMA um einen Stoff mit hohem Sensibilisierungspotenzial handelt, der unter anderem zu allergischer Kontaktdermatitis mit oder ohne Superinfektion an Fingerspitzen, Handaußenseiten, Augenlidern und Gesicht,Nagelfalzentzündungen und Nagelablösungen führen kann.[5]

Neun der 15 untersuchten Proben enthielten über 80 Prozent MMA und waren daher als gesundheitsschädlich einzustufen. Drei dieser Proben enthielten in der Kennzeichnung tatsachlich noch die Auslobung, dass sie frei von MMA seien, was hier zusätzlich als irreführend beurteilt wurde. Die übrigen sechs Proben enthielten das üblicherweise in solchen Produkten eingesetzte Acrylat EMA als Hauptkomponente. Bezüglich der Kennzeichnung wiesen alle 15 Proben erhebliche Mängel auf, notwendige Warn- und Anwendungshinweise waren entweder nicht korrekt angegeben oder fehlten ganz. Nur bei einer Probe war der Verwendungszweck in deutscher Sprache deklariert, bei allen anderen Proben fehlte diese Angabe, sodass nicht ohne Weiteres ersichtlich war, um welches Produkt es sich eigentlich handelt. Weitere Mängel waren unkorrekte Angaben in der Liste der Bestandteile, fehlende oder auch unkorrekte Angaben des Mindesthaltbarkeitsdatums, beziehungsweise der Verwendungsdauer nach dem Öffnen, sowie fehlende Angabe der Chargenkennzeichnung.

Wie kann sich nun die Kundin/der Kunde vor methylmethacrylathaltigen Nagelmodellagemitteln schützen?

MMA riecht im Gegensatz zu EMA sehr stechend. Für den Laien ist die Unterscheidung trotzdem schwierig, da beide Stoffe einen ähnlichen, oft als sehr unangenehm empfundenen Geruch aufweisen. Künstliche Fingernägel, die aus methylmethacrylathaltigen Systemen hergestellt worden sind, sind sehr hart und lassen sich nur sehr schlecht feilen und in Form bringen. Außerdem ist eine Entfernung dieser Nägel mit den sonst üblichen Lösungsmitteln (zum Beispiel Aceton) nicht möglich. Dies stellt man jedoch leider erst fest, wenn die Nägel schon modelliert worden sind. Ein Indiz für die Verwendung von MMA vor der Anwendung kann auch ein sehr günstiger Preis für die Nagelmodellage sein, denn MMA ist deutlich billiger als EMA. Die modebewusste Frau von heute muss jedoch nicht auf perfekt modellierte Fingernägel verzichten. Sie sollte jedoch bei der Auswahl des Nagelstudios einige Kriterien beachten: Die Modellierung der Fingernägel sollte nur durch geschultes, professionelles Personal vorgenommen werden, das sehr sorgfältig und sauber arbeitet und auch Fragen zu den verschiedenen Systemen und ihren Inhaltsstoffen beantworten kann. Die Räumlichkeiten sollten einen sauberen Eindruck machen und, insbesondere bei der Herstellung von Acrylnägeln, sehr gut belüftet sein.

Der BLC fordert seit Jahren mehr lebensmittelchemischen Sachverstand auf allen Ebenen der Lebensmittelkontrolle. Es ist dringend geboten, den insbesondere bei der Kontrolle und im Vollzug in Großbetrieben und in Betrieben mit spezifischen Fragestellungen, wie Kosmetik (hier: Nagelmodellage), Textilien und Lebensmittelverpackungen dringend notwendigen lebensmittelchemischen Sachverstand zu integrieren.

Lebensmittelchemiker/-innen in Lebensmitteluntersuchung und -überwachung: Experten nicht nur in Sachen Lebensmittelkunde, Lebensmittelrecht und Lebensmittelanalytik, sondern auch in den Bereichen Kosmetik, Tätowierung und Bedarfsgegenstände.

Literatur:

[1] Springer Lexikon Kosmetik und Körperpflege, Marina Bährle-Rapp, Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2001
[2] Gruppenmerkblatt für Nagelmodelliermittel“, Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. – IKW
[3] Nicnas Existing Chemicals Information Sheet: Methy Methacrylate (MMA) in Cosmetic Nail Preparations, September 2009, National Industrial Chemicals Notification and Assessment Scheme
[4] Health Canada Advisory 2003-32: Health Canada advises canadians not to use cosmetic nail preparations containing MMA, 22 Mai 2003
[5] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Gesundheitliche Bewertung methylmethacrylathaltiger Nagel- modellagemittel, 22.12.2011

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